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Bericht aus den Schrofen der Kindheit

Im Sommer 1984 veranstalteten Martin und Ich den ersten verbürgten Seilschaftssturz in der Geschichte des Gaaler Alpinismus.

Bis zu jenem Tag war der Alltag der Gaaler Bergsteiger zwar reich an Lawinenabgängen und Einzelgängerschicksalen am Gamskögelgrat, letztendlich lag es aber an uns beiden Zehnjährigen, das technische Niveau der heimatlichen Alpinunfälle in völig neue Sphären zu beamen. Wir waren also für die Gaal so etwas ähnliches wie Sicherheitspapst Pit Schubert für den deutschen Alpenverein, nur in die "andere Richtung", wenn Sie verstehen.

Aber langsam, alles der Reihe nach. Der Tradition jedes alpinen Schreiberlings folgend, soll auch dieser nervenzerfetzende Unfallbericht mit etwas Landeskunde und gebotener Beschaulichkeit beginnen:

Wie alle Burgen und Schlösser Österreichs schmiegt sich auch unser heimatliches über einem gräulichen Felsabbruch in die Postkartenlandschaft. Betrachtet man die Leistungen der mittelalterlichen Planungsbüros im Abstand von einigen Jahrhunderten, so kommt man nicht umhin zu bemerken, dass damals jeglicher Felsen, jede vertikale Gesteinsschichtung sofort mit einem Schlösschen oder einer zinnenbewehrten Burg gekrönt wurde. Wie Sahnehäubchen stehen heute Myriaden dieser Bauwerke in der Landschaft herum. Die Dualität Burg - Felsen, war damals offenbar so geläufig wie heute Autobahnabfahrt - Einkaufszentrum. Oder Einfamilienhaus - Gartenbiotop.

Auch unser ganz privates Schloss verfügte also, so wie es sich gehört, über einen dazupassenden Fels- oder besser Schrofenabbruch. Jedes Schloss hat letztendlich den Felsen, den es verdient, schließlich befanden wir uns im Herz der Schrofen, den Niederen Tauern. Nichts spektakuläres also, vielleicht fünfzehn Meter hoch, aber immer noch ernsthaft genug um in uns Zehn- bis Zwölfjährigen den Entdecker- und Erobererinstinkt zu wecken. Und noch dazu eine veritable Nordwand in die sich kaum je ein Sonnenstrahl verlor! Ein Spielplatz für Helden.

Wie jeder echte Kletterfelsen, so verfügte auch unsere "Wand" über einen Normalweg, ein erdiges Steiglein, das unter Zuhilfenahme von fragilen Baumwurzeln erstiegen werden konnte. Führerautoren würden viel prosaischer schreiben: Normalweg, I, Vertrautheit in steilem, erdigen Gelände erforderlich. (Wollte man über diesen Normalweg ins Schloss gelangen, so stellte die glatte Ummauerung des angeschlossenen Sägebetriebs die eigentliche Schwierigkeit dar. An dieser Stelle sei auch die Einführung des menschlichen Steigbaums zur Überwindung derselben in den lokalen Alpinismus erwähnt.)

In halber Höhe befand sich der eigentliche Clou der ganzen Sache, eine Felsnische, ein alter Stollen, den man nach 2 Metern wieder aufgegeben hatte. Ein ideales Versteck für Diebsgut aller Art, wenn auch ein wenig feucht. Zu dieser Zeit horteten wir in unserer Höhle sicherlich mehr Bände deutscher Klassiker (die wir dem gestrengen Forstmeister auf dessen Dachboden entwendet hatten) als die Knittelfelder Stadtbücherei. (Damals in den intellektuell hochstehenden achtziger Jahren wurde in den Jugendzimmern der Obersteiermark nämlich noch Kleist und Seume gelesen, statt Potter und Tolkien. Egal!)

Links von der Höhle zog eine erdige, grifflose Rinne steil zirka vier Meter aufwärts, die ein "Psychoklassiker" unserer Kindheit wurde: Würden diesmal alle dünnen Luftwurzelchen der verkrüppelten Fichten halten, was sie versprachen? Und würden die Turnschuhe Halt in der Erde finden, wenn man sie nur fest genug hineinrammte? Es war eine Vorausahnung von Mixedkletterei höchster Diffizilität, in Ermangelung von Fels oder Eis waren jedoch Moospolster und obskure Gefäßpflanzen das Element, das wir durchwühlten. Die Durchsteigung dieser Rinne galt in unseren Kreisen als veritable Mutprobe und der- oder diejenige, der das Kunststück auch rückwärts zuwege brachte, war Held des Tages.

Martin und ich wussten jedoch aus einschlägigen Filmen, dass man in solchem Gelände kaum die höheren Weihen des klassischen Alpinismus empfangen konnte. Da gehörte schon mehr dazu: Ein Seil zumindest, oder ein Helm und ordentliche Bergschuhe. Und die dazupassenden, dräuenden Felswände, die ja in unserer Nordwand, etwas links von der Höhle reichlich vorhanden waren!

Ein Seil hatten wir schnell gefunden, an jenem verhängnisvollen Tag, an dem die Geschichte der Bergsteigerei neu geschrieben ward in der Gaal, denn die nichtsahnende Frau H. hatte leichtsinnigerweise ihre Nylon-Wäscheleine im Schlosshof hängen lassen. Auch wurde das Projekt von dem im Schloss ansässigen Forstbetrieb durch zwei martialisch aussehende Forstarbeiterhelme (mit Visier!) großzügig unterstützt. Meinen Vorschlag gleich auch die herumliegenden "Sappel" als Pickelsurrogat mitgehen zu lassen hatte Martin, schon damals um einen sauberen Begehungsstil bemüht, gottseidank abgelehnt.

Am Einstieg zur geplanten Tour, einer bröckligen Traverse in bisher unbekanntes Terrain, seilten wir uns an. Beim Wissen um die richtige Knotentechnik waren uns die damals viel gezeigten Winnetou-Filme mit ihrem reichen Schatz an Lassoszenen eine große Hilfe! Schnell noch die Helme aufgesetzt und sicherheitshalber gleich die Visiere heruntergeklappt: Wir waren bereit Geschichte zu schreiben!

Das Los des Vorsteigers fiel auf Martin, der sich Stück für Stück in das gräßliche Wandl hinauswagte, während ich ihn, leger an einen Holunderbusch gelehnt, "vom Körper sicherte". Die Schwierigkeiten müssen enorm gewesen sein, denn Martin ächzte und keuchte, als er die einzige Insel der Sicherheit in diesem Ozean aus Schrofen ansteuerte: eine stämmige Fichte, die sich gut fünf Meter vom Einstieg an die Felsen krallte.

Ich hatte inzwischen die Sicherungsarbeit mangels Interesse aufgegeben und mich ebenfalls in die "Tour" hineingewagt, die eigentlich nur aus einer schmalen, abschüssigen Felsleiste bestand. Als ich mich langsam und bedächtig (dieser Stil ist mir bis heute geblieben) nach vorne arbeitete, sah ich wie Martin gerade dabei war, eine fingerdicke Wurzel zu erhaschen, die es ihm ermöglichen sollte, wieder sicheres Terrain (Baumstamm) zu erreichen.
Das nächste was ich sah, war wie sich mein Seilpartner samt Wurzel in der Hand in Richtung der gnädigerweise besonders dicht wuchernden Haselnussstauden am Wandfuß begab. Dank der schätzungsweise fünf Meter Schlappseil, die ich ihm großzügig gewährt hatte, traf mich der Seilzug erst, als er schon fast von den biegsamen Stämmen aufgefangen war. "So also machen das die ECHTEN Bergsteiger!", dachte ich begeistert, als ich dem Ruf der Schwerkraft folgte (Damals waren Wäscheleinen eben noch echte Wäscheleinen!) und kurz darauf einige Meter neben meinem Gefährten zu liegen kam.

Da wir beide nach grober Durchsicht bis auf ein paar Schrammen und den zugezogenen Lassoschlaufen um den Bauch unverletzt waren, galt unsere erste Sorge dem "Seil". Und tatsächlich, es war nicht gerissen und hatte uns, so dachten wir, vor weit schlimmerem Ungemach bewahrt. Dem Sturz weiter hinunter auf die duftende, weiche Blumenwiese zum Beispiel.

Zumindest damals erschien uns das alles sehr logisch. Als wir da japsend in den Stauden hingen, sahen wir uns das erste Mal in unserem Leben in den Fußstapfen eines Hermann Buhl Achttausender bezwingen und uns mit allerlei Leitern und Eisenbedarf die Wände dieser Welt hinaufschummeln.

Kurz: Wir waren glücklich. Wir hatten den rückständigen Gaalern gezeigt, wohin die bergsteigerische Entwicklung zwangsläufig führen müsse: Erhöhter Materialeinsatz (die Helme hatten wir allerdings beim Sturz verloren) kann absolute Inkompetenz zumindest ausgleichen. Der erste Schritt war getan, der Grundstein für eine glänzende Karriere als Schrofensteiger gelegt.
   
 

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