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Um Welten gealtert auf der Majestät

Schonungslos wahr sein muß hier meine Feder, getreu künden das äußerliche und das seelische, ohne zu prahlen, ohne zu schmücken, aber auch ohne Reue.

1997. Ein heißer Herbst brach an über Prägraten mit langen sonnigen Wochen. Hinter uns lag eine gefahrvolle nächtliche Autofahrt von der Gaal ins Virgental, rotglühend lohte in unserem Busen die Sehnsucht nach alpiner Tat, unlöschbar der Durst nach Murauer Bier. Wir waren entschlossen das Höchste zu wagen, die Gesundheit jederzeit hinzuwerfen wie einen zerbrochenen Bergstock. Das hatte weit, weit tiefere Gründe als unsere damals sehr ausgeprägte Trunksucht, doch kann ich es hier nicht in der nötigen Breite darlegen: Nur dies sei gesagt, dass auf unseren jungen Seelen mit Wucht der schaurige Zweifel an Hüttenübernachtungen und die Zersetzung aller Alpenvereinswerte lastete, woran in den achtziger- und neunziger Jahren alle tieferen Naturen litten. (sic! Diese Passage des guten alten Eugen-Guido musste ich nicht mal großartig umschrieben, waren wir doch ziemlich genau hundert Jahre nach dem großen Meister dort unterwegs, wo er Alpingeschichte schrieb!)

Erst etwas später wuchsen die "moderne Kunst" und so manch neue ethische Ideale herauf (Anm. Könnte der Meister hiermit Drytooling und handschlaufenloses Eisklettern gemeint haben?); damals aber gab es für uns nichts als den splitternackten Individualismus. Und die Alpinistik in diesem Geiste rücksichtslosesten Auslebens der Persönlichkeit, rücksichtslos bis zur letzten Zigarette, war unsere einzige Religion. ... Aber von dem prahlerischen Wettsportgeist , wie ihn später Eric Escoffier gezeichnet hat, verspürten wir kaum einen Hauch in uns, schon deshalb, weil all unser Geleistetes uns ärmlich und nichtig dünkte, gemessen an unserem titanischen Wollen. Als ich am 24. August mit meiner fermen Karin den Hochreichart, den Hirschkarlgrat und anschließend das Geierhaupt erstieg um anschließend im strömenden Regen am Schaunitzkogel zu biwakieren, so galt mir dies - obwohl damals ein Weltrekord - nur als erstes Training. ...

Und nun sollte die wahre Titanensymphonie anfangen mit dem Erklimmen des Großvenedigers über die Südwand; sogar der wenig schneidige Bundeskanzler Vranitzky hatte dort den Anstieg erzwungen; ihm, der später Manager in der Autoindustrie wurde, fühlten wir uns überhaupt nicht geistesverwandt. Unsere lieben, wunderbaren Eltern warnten uns noch vor der Wegstrecke durch das elendslange Tal bis zur Johannishütte, doch unser Ohr blieb taub, unser wildes Begehren stömte dahin ohne Stauwehr. (Stauwehr! Wie prophetisch! Lammer hat hier offenbar den Sieg der Umweltschützer über die E-Wirtschaft im benachbarten Umbaltal bereits vorausgeahnt.)

Martin, Bernd und ich nächtigten im verwahrlosten VW-Golf meiner Eltern (der ursprüngliche Plan am Parkplatz Hinterbichl zu biwakieren wurde wegen Regen/Graupelschauern und jahreszeituntypischen Temperaturen kurzfristig fallengelassen), diesem Mittelklasseauto, in dem nur schwer drei mehr oder weniger erwachsene Menschen zum Schlafe sich betten können. Erdrückend war des Gewicht der jeweils anderen, bis man endlich in den Schlafsack geschlüpft war: Nur der gleichmütige Martin, der ohne dass ihn das Horizontalgesimse (Armaturenbrett) störte, in lautes Schnarchen ausbrach, fand Schlaf in jener Nacht. Um 23 Uhr waren wir angekommen, um drei Uhr Früh läutete der Wecker. Und ich vermeine mich erinnern zu können, dass es Bernd, dem die Rückbank als Schlafgemach zugeteilt war, erst nach langem, heldenhaftem Ringen mit den Tücken des Schlafsackes, um ca. 2:55 Uhr gelungen war seinen Reißverschluss GANZ ZU ZU ZIEHEN. Er grunzte zufrieden und freute sich ganz offensichtlich auf einen geruhsamen Schlaf. Dann ging der Wecker ab! ...

Nach Mitternacht legte der Frost den Lawinen seine gleißend harten Plüschhandschellen an, da schritten wir vor 3:30 Uhr in die schweigende Graupelschauernacht hinaus. In unserer Brust pochte scheu das Fürchten und im Magen rumorte es, weil wir das Frühstück unmöglich IM Auto zu uns nehmen konnten.

Feierlich traten wir um 7 Uhr heran an das ungeheure Defereggerhaus und starrten hinauf auf das totenstille Rainertörl, das vom Nebel verborgen war. Nun war es Zeit für ein herzhaftes Frühstück, während die ersten Hüttenschläfer sich bereits anschickten im Gänsemarsch den Gletscher zu erstürmen, um dann ein Stücklein weiter oben im Nebel wieder umzudrehen. ... Nicht sofort wollten wir wieder empor aus dem Todesrachen des Deferegger Hauses, das mit allerlei hochprozentigen Verlockungen uns beinahe gefangen hielt, sondern wir blieben mindestens eine Stunde sitzen. ...

Dann betraten wir den Gletscher, und jetzt öffnete das Verhängnis seinen blutigen Rachen: Bernd hatte seine extrem coole Sonnebrille kaputtgemacht und tapste alsbald "oben ohne" durch die gleißende Gletscherlandschaft.

In flachen Kehren ging es hinauf zum Rainertörl. ... So kämpften wir mehr als eine Stunde und auf einmal kam es besser und besser; erst am Törl trat die Sonne in dieses furchtbar flache Gletscherbecken. ...

Mit finsteren Brauen und kochenden Herzen erreichten wir das Gipfelkreuz des Großvenedigers. In zähem Kampfe liefen wir dann wieder in gemächlichem Galopp die schaurigen Hänge herunter. ... Um 14 Uhr waren wir wieder beim Defreggerhaus.

"Schlafen wir doch einfach hier," sagte ich todmüde zu den bleichen Gefährten, "freilich wird's eine Schauernacht." Martin und Bernd aber packte der wilde Trotz: "Nach einer misslungenen Tour meinetwegen, aber nimmer nach einer so schönen!" Ich kam mit Verstandesgründen, aber die beiden waren die Stärkeren, waren die Leidenschaft, der zornige Hohn, das Machtwort, die Dämonen. Sie? Nein: Es, das ihr Herr ist. Und ich fügte mich zu meinem Verderben.

Also stiegen wir weiter ab, in tieferweichtem Schnee. Zwar mussten wir, damit wir rascher vorwärtskamen, fast unvorsichtig abwärtslaufen, indes wir mit dem gebeugten Beine tief im Firn wurzelten und über den schräggelegten Schenkel die Schistöcke abklopften. ... "Ach, wären wir doch schon drunten am Parkplatz, oder zumindest bei der Johannishütte!" Nur zehn Kilometer Luftlinie trennten uns jetzt noch von dem Lande der Rettung. Immer aber, wenn wir den bösen Gang wagen wollten, fand sich eine neue Ausrede um noch ein paar Minuten stehenzubleiben und das Panorama zu genießen. ...

Die Katastrophe kam unscheinbar, nicht dramatisch. Eben standen wir in seichter Nebenfurche. Wir hatten es längst als nutzlos und zeitraubend aufgegeben, nach oben zu blicken, und uns einfach der Gnade des Fatums anvertraut. Plötzlich sah ich mich doch um: Da schoss meine ganze Zigarettenpackung auf einem Schneefeld hinab in eine Wasserlacke. Einen Augenblick früher, und ich hätte das Tschickpackerl noch erhascht. So aber war die ganze Packung nass und verloren. ...

Auf 20 Meter hat später die Bergrettung Prägraten die Sturzhöhe geschätzt. Ich habe den grausen Flug mit bewussten Sinnen getan und kann euch künden, Freunde: Es ist ein schwerer Schlag, wenn man kein zweites Packerl Gauloises mithat! ...

Es war etwa 6 Uhr abends, als drei wunderliche Touristen sich mühten, möglichst schnell aus dieser schnöden Firnöde hinabzukommen: Ohne Zigaretten und flippige Sonnenbrillen hinkten wir fast springend dem Parkplatz entgegen. In Prägraten hoffte ich noch eine offene Trafik zu finden. ...

Also ohne Rast hinunter, mit langen, hängenden Zungen. Bald wäre es aus mit unserer Kraft zu gehen oder zu hinken. Da wäre dann das raupengleiche Kriechen. Wir waren so stumpf und matt, dass wir beinahe den Parkplatz versäumt hätten! ...

Volle 15 Stunden waren wir an diesem inhaltsschweren 30. August in harter Arbeit gestanden ohne nennenswerte Spaltenstürze; denn erst um 18:30 saßen wir wieder im PS-schwachen VW. Martin klemmte sich hinter das Steuer und Bernd und ich sanken auf unsere Sitze und schliefen einen dumpfen Schlaf. (Bei der Autobahnraststätte am Wörthersee mussten wir allerdings stehenbleiben und an Bernds Augen eine Notoperation mit kaltem Wasser durchführen, denn er war in Ermangelung seiner Ray-Ban wohl etwas schneeblind geworden.)

So war es - und nun werfet den ersten Stein auf uns!

Nachsatz: Sollte der Eindruck entstanden sein, ich würde mich hier über Eugen Guido von Lammer lustig machen, so muss ich das entschieden verneinen. Lammer war ein Visionär des Alpinismus und ein entschiedener Kämpfer gegen das bergsteigerische Establishment der Jahrhundertwende. Jeder Schrofensteiger der etwas auf sich hält, sollte zuminest seinen Bericht vom "Absturz in der Westwand" (des Matterhorns) lesen um zu verstehen, wie tief man im 19. Jahrhundert noch vermeinte in Gefühlen waten zu müssen.

Eine kurze Leseprobe aus dem Buch "Durst nach Todesgefahr" ((c) das unvermeidliche Schreiberduo Reinhold Messner und Horst Höfler) inklusive Würdigung der Verdienste E. G. Lammers finden Sie hier.
 
Der Venediger (© Ulf Edlinger)
 

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